3.9.2026
Lesezeit:
8 Minuten

Trabekulektomie - Guideline

ONO Medical Board

Dr. Valéry Vinzent Wittwer
Operationsindikation
  • Fortgeschrittenes Glaukom oder hohes Erblindungsrisiko mit Notwendigkeit sehr tiefer, einstelliger Zieldrucke (< 12 mmHg)
  • Ungenügende Drucksenkung nach nicht-penetrierendem Verfahren (z. B. tiefe Sklerektomie) oder MIGS
  • Sekundärglaukome mit Bedarf an maximaler Drucksenkung, sofern kein primäres Tube-Shunt-Setting vorliegt
  • Progrediente glaukomatöse Optikusneuropathie bzw. Augeninnendruck über dem individuellen Zieldruck trotz maximal tolerierter medikamentöser und/oder laserchirurgischer Therapie (SLT)
  • Zieldruck-Festlegung individuell nach Stadium (Papillenbefund, Gesichtsfelddefekt, Lebenserwartung) gemäss EGS-Systematik
Differentialdiagnose / Kontraindikation
  • Aktive neovaskuläre oder entzündliche Genese ohne Vorbehandlung
  • Ausgedehnt vernarbte Bindehaut (ggf. alternative Lokalisation oder Tube-Shunt erwägen)
  • Floride okuläre Infektion/Blepharitis
  • Unzureichende Möglichkeit zur postoperativen Nachkontrolle
  • Bekannte Mitomycin-C-Unverträglichkeit
Alternative Therapie
  • Ausschöpfen der topischen Kombinationstherapie, sofern Verträglichkeit und Adhärenz gegeben sind
  • Selektive Lasertrabekuloplastik (SLT), ggf. wiederholt
  • Nicht-penetrierendes Verfahren (tiefe Sklerektomie) oder PreserFlo MicroShunt, falls ein weniger tiefer Zieldruck ausreicht und ein günstigeres Frühsicherheitsprofil gewünscht ist
Präoperativ
  • Diagnostik: Gonioskopie, Perimetrie, OCT Papille/RNFL, zentrale Hornhautdicke, Fotodokumentation
  • Aufklärung inkl. Einverständniserklärung
    • Höheres Hypotonie-/Aderhauteffusionsrisiko als bei nicht-penetrierenden Verfahren
    • Notwendigkeit engmaschiger postoperativer Kontrollen inkl. möglicher Laser-Fadenlyse und Needling
    • Filterkissen-Leck, Blebitis und lebenslanges, wenn auch geringes, Endophthalmitis-Risiko
    • Kataraktprogressionsrisiko, Visusschwankungen und vorübergehend verschwommenes Sehen in der Frühphase
    • Erfolg nicht garantiert; Zusatztherapie oder Re-Operation können nötig bleiben
  • Antikoagulation: Anpassung gemäss hausinternem Standard, Rücksprache mit Zuweiser
Vorbereitung
  • 3x Tetracain SDU® 1% Augentropfen (alle 5 Minuten)
  • Desinfektion Lider/Zilien/Bindehautsack mit Hibidil®-Lösung
Operationsmaterial
Geräte
  • OP-Mikroskop
Mehrweginstrumente
  • Lidsperrer Bangerter
  • Bulldog-Klemme (Traktionsnaht)
  • Westcott-Schere, Vannas-Schere
  • Hockeymesser, Kelly-Punch (Sklerostomie-Punch)
  • Castroviejo-Nadelhalter
  • Colibri-Pinzette, Fadenpinzette McPherson
Einwegmaterial
  • Hibidil®-Lösung, BSS-Lösung
  • Lidocain 1% subkonjunktival
  • MMC 0.2–0.4 mg/ml auf Schwämmchen
  • Faden 10-0 Nylon (Skleraflap, ggf. releasable sutures), Vicryl® 8-0/9-0 (Bindehaut)
  • Tobradex® Augensalbe
Operationsvorgang

Tropfanästhesie, Desinfektion und steriles Abdecken. Subkonjunktivale Anästhesie superior mit Lidocain 1%. Traktionsnaht durch die paralimbale Hornhaut und Fixation am Lidhalter mittels Bulldog-Klemme. Präparation eines fornix- oder limbusbasierten Bindehaut-Tenon-Flaps im superioren Quadranten, sorgfältige Blutstillung.

Auflegen von MMC-getränkten Schwämmchen grossflächig unter Bindehaut/Tenon und dem geplanten Skleraflap für die individuell festgelegte Einwirkzeit (typischerweise 2–3 Minuten je nach Vernarbungsrisiko), anschliessend ausgiebiges Spülen mit BSS.

Anzeichnen und Präparation eines ca. 4×4 mm grossen, limbal gestielten Skleraflaps (ca. 1/3 Skleradicke, rechteckig oder dreieckig) bis in klare Hornhaut vorbereitet. Eröffnen der Vorderkammer unter dem Skleraflap. Anlage der Sklerostomie mittels Kelly-Punch oder Skalpell/Vannas-Schere. Periphere Iridektomie zur Vermeidung eines Irisprolapses bzw. einer Sklerostomie-Verlegung.

Readaptation des Skleraflaps mit 2–4 Einzelknopfnähten 10-0 Nylon, davon wahlweise als releasable sutures für die postoperative Fadenlyse; der Fluss über den Flap wird durch die Nahtspannung reguliert (dichter bei Frühhypotonie-Risiko, lockerer bei ungenügender Filtration). Wasserdichter Verschluss der Bindehaut mit fortlaufender oder Einzelknopfnaht (Vicryl® 8-0/9-0). Prüfung auf Filterkissenbildung und Dichtigkeit (Seidel-Test negativ). Tobradex® Augensalbe.

Postoperativ
  • Topische Steroide initial hochfrequent (z. B. 4–6x/Tag), im Verlauf nach Filterkissenbefund ausschleichend
  • Topisches Antibiotikum für die erste postoperative Woche
  • Analgesie (cave: ggf. anpassen an Körpergewicht und Leber-/Nierenwerte)
    • Paracetamol 500 mg Tablette 4x/Tag bis 8x/Tag (z. B. Dafalgan®)
    • Nichtsteroidales Antirheumatikum (z. B. Mefenaminsäure 500 mg Tablette 3x/Tag oder Ibuprofen 400 mg Tablette 4x/Tag)
Procedere
  • 1. Tag: Visus, Tensio, Vorderkammertiefe, Filterkissenbeurteilung, Aderhaut-/Netzhautkontrolle bei Hypotonie
  • 1. Woche: Tensio, ggf. Laser-Fadenlyse oder Entfernung releasable sutures bei ungenügender Filtration; bei zu tiefem Druck Nahtverstärkung/Kompressionsverband erwägen
  • 2.–3. Woche: Filterkissenmorphologie, ggf. Needling bei beginnender Vernarbung
  • 1–3 Monate: Tensio, Gesichtsfeld/OCT im Verlauf, Reduktion/Absetzen der drucksenkenden Therapie nach Zielerreichung
Quellen
  • European Glaucoma Society. Terminology and Guidelines for Glaucoma, 6th Edition, 2025. eugs.org
  • Jóhannesson G, et al. Guidelines for the management of open-angle glaucoma. Acta Ophthalmol. 2024.
  • EyeWiki (American Academy of Ophthalmology). Trabeculectomy.
  • PRESERFLO MicroShunt implantation versus trabeculectomy for primary open-angle glaucoma: a two-year follow-up study. Eye and Vision, 2023.
  • Review of Ophthalmology. Patient Selection: Trab, Xen or PreserFlo.
  • Glaucoma Today. Evolutions in Patient Selection, Sept/Oct 2025.

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